20 Schlafplatz an einem Alten Militaerfort oberhalb von Genua

ItaliaJoshuaweb
Joshua Steinberg
Tunis (Tunesien) den 30.10.2020
Reisewoche 4 – 8 (30.9.20 – 27.10.20)
Schweiz, Frankreich, Italien (Sardinien, Sizilien)
Kilometer 2450 – 6600
Fahrstunden 39 - 120
4150Km in 81 Stunden gefahren in 31 Reisetagen


Die Sonne im Rücken brechen wir in Meckenbeuren (Friedrichshafen) auf. Die Taschen sind gefüllt mit dem was wir für die nächsten Monate brauchen. Die Gedanken sind gefüllt mit Vorstellungen, was wir in den nächsten Monaten wohl erleben werden. Der Blick ist nach Süden gerichtet. Wir verlassen Deutschland nun endgültig und werden für einige Zeit nicht zurückkehren. Die Sonne soll sich nun auch für einige Zeit verabschieden und wir fahren durch Regen, Kälte und Unwetter.
Es ist Anfang Oktober und nicht die richtige Zeit, um entspannt durch die Alpen zu fahren. Überschwemmungen in Ligurien, Schnee in Chamonix, Matsch in Sardinien und Erdrutsche in Sizilien. Das Wetter soll im kommenden Monat unser ärgster Feind werden. Wir werden viele alte und neue Freunde treffen, beeindruckt in der römischen Geschichte schwelgen, schöne Ausblicke genießen und geniale Dreckpisten befahren.
Nach zwei Tagen etwas durchnässter Fahrt durchqueren wir den Mont Blanc Tunnel, um dem Unwetter in unserem Rücken zu entgehen und in der Hütte unseres Reisebekannten Phil unterzukommen. Wir kennen uns flüchtig aus einem der zahlreichen Straßenkaffees Boliviens. Phil kommt gerade mit seinem Bike aus dem Süden Italiens und es stellt sich heraus, dass wir etwas schneller unterwegs sind als er. Wir sind zwei Tage zu früh am Treffunkt. Glücklicherweise ist sein Türschloss zahlengebunden. Kurzerhand schickt Phil uns den Code, wir sollen uns wie Zuhause fühlen.
02 Schleifspuren im AsphaltAuf den letzten Metern nach Chamonix rutscht mir das Motorrad in einer der langgezogenen Spitzkehren der Passstraße weg und wir rutschen gemeinsam auf die Betonbalustrade zu. Mit meinen Beinen kann ich mich nach einem dutzend Metern Rutschpartie auf dem nassen Asphalt, an der Balustrade abfedern. Hätte hier eine normale Leitplanke ohne Unterfahrschutz gestanden, wie sie in Deutschland leider Standard ist, dann hätte die Reise hier vorbei sein können. Glücklicherweise denken die Franzosen und Italiener beim Straßenbau öfter an die kleine zweiradfahrende Minderheit in ihrem Straßenverkehr. Dank der Nässe und dem sehr rutschigen Asphalt ist nichts passiert außer ein paar aufgeschürften Nähten an der Kombi. Die nächsten Tage sollen zeigen, dass der Sturz den Muskelapparat doch etwas beansprucht hat. Aua.
Das arme Bike hat leider genug Geschwindigkeit drauf sich beim Kontakt mit der Balustrade nochmal aufzurichten und die bis dato fast makellose rechte Seite am Beton aufzukratzen, bevor es zum Stillstand kommt. Am nächsten Tag nach den Reparaturen und dem anschließenden Kontrollblick rund ums Motorrad muss ich an den Moto-Mania Kalender in unserem Schuppen denken: Ist die Verkleidung erst ruiniert, fährt sich‘s völlig ungeniert. In diesem Sinne werden von nun an optische Defekte nicht mehr repariert. Lohnt sich sowieso nicht auf der Reise.
13 Unser Gastgeber PhilAls wir die Tür zu Phils Hütte öffnen, staunen wir nicht schlecht. Sechs Schlafzimmer, drei Badezimmer, zwei Küchen, eine große Terrasse mit Blick auf das uns umgebende Viertausender Mont-Blanc Massiv, eine Sauna und ein beheizter Außenpool mit selbigem Ausblick. Zwei Tage später trifft Phil ein und freut sich, mit seinen durchnässten Klamotten und leerem Magen, dass wir den offenen Kamin schon befeuert und den Kühlschrank gut gefüllt haben. Das Haus ist eigentlich ganzjährig an verschiedene Touristen vermietet, aber aktuell möchte scheinbar niemand hier Urlaub machen. Besser für uns!
Wir bleiben natürlich noch ein bisschen, um unseren großzügigen Gastgeber besser kennenzulernen. Bei benzingetränkten Gesprächen über das Reisen, Geschichten von der Straße und die bunte Kultur Südamerikas stellen wir viele Gemeinsamkeiten fest. Phil ist Brite und damit ist hier auch keine Sprachbarriere vorhanden, wir können stundenlang philosophieren, diskutieren und fachsimpeln. Zwischen Kochen, Quatschen und Saunieren legen wir immer mal einen längeren Ausflug in die Berge ein. Phil ist auf jeden Fall verdammt fit und als wir nach dem Kaffee am Nachmittag mit ihm rausgehen, bezeichnet er die folgende sieben Kilometer Wanderung mit 550 Höhenmetern erstmal als Verdauungsspaziergang. Wir laufen bis zum Fuß des nächsten Gletschers. Wochen könnten wir hier zusammen verbringen, wenn da nicht Phils Termine in der Heimat und unsere Angst wäre, eingeschneit zu werden. Die Wiese vor dem Haus ist in dieser Woche schon zum zweiten Mal schneebedeckt. Das Verständnis füreinander ist so groß, dass wir es etwas bedauern nicht zusammen fahren zu können. Die Himmelsrichtungen unserer Reiseziele sind, wie auch schon bei unserer letzten Begegnung, entgegengesetzt.
Ob wir zu Phil nach Großbritannien fahren oder er uns im Haunetal besucht, wir geben uns die Hand drauf beim nächsten Mal eine Etappe zusammen zu biken. Wie selbstverständlich werden wir auch, egal ob Sommer- oder Wintersaison, eingeladen wieder in die Hütte zu kommen und die Berge zu genießen.
Wir brechen bei morgendlichen 4 Grad und leichtem Schneefall in den höheren Lagen rund um Chamonix auf und bringen zügig ein paar Tiefenmeter hinter uns. In den Tälern Frankreichs ist es angenehmer zu fahren und unser guter Freund und Nachbar Alex macht uns am Telefon schon unseren nächsten Zwischenstopp an der Küste Liguriens schmackhaft. Sonne und Meer. Er und Ralf loten dort schon mal die Enduropisten aus, bevor wir eintreffen. Auf dem Weg nach Cipressa, wo die beiden bei Alex Vater ihr Lager aufgeschlagen haben, sehen wir die Auswirkungen eines ungewöhnlich starken Unwetters mit eigenen Augen. In den letzten Jahren sind solche übermäßig starken Regengüsse hier am südlichen Alpenrand immer häufiger. Die Straßen im Tanaro-Tal sind teilweise mit dickem Schlamm überzogen. Brücken sind weggespült, Häuser unterspült und sogar Linienbusse hat das Wasser weggetragen. Die Gewalt, welche hier gewirkt haben muss, ist schwer vorstellbar, wenn man sich die völlig verdrehten Metallgeländer der fünf Meter über dem aktuellen Wasserspiegel hängenden Stahlbetonbrücken anschaut.
23 Zerstoerte Bruecken zeugen von der Gewalt des WassersBeeindruckender jedoch als alle Kraft der Naturgewalten ist hier, wenige Tage nach dem Ereignis, die Kraft, die die Menschen gemeinsam aufbringen, um wieder zum Alltag zurückzukehren. Jeder ist am Aufräumen und Anpacken. Die Kleinsten schleppen Treibholz aus dem vollgelaufenen Keller, die Ältesten schwingen den Küchenbesen auf den mit vielen Tonnen Erde überzogenen Gehsteigen. Jeder, der eine Schaufel, einen Traktor oder gar einen Bagger hat, räumt frei und sucht dann nach der nächsten Einsatzstelle. Noch lange bevor hier die staatliche Hilfe richtig organisiert ist, nehmen es die Menschen selbst in die Hand. Hier werden Probleme gelöst, nicht von einer zur anderen Zuständigkeit diskutiert. Nicht meckern, sondern machen könnte das Motto dieser fleißigen Menge sein.
Wir treffen in Cipressa bei versprochenem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen ein. Der kleine, aus rötlich-orangenen Steinen erbaute Ort klebt westlich von Imperia an den ligurischen Hügeln und überschaut die blaugrüne Mittelmeerbucht zwischen Imperia und San Remo bis hinüber zur französisch-italienischen Grenze. Im gemütlichen Dorfkern sitzen Alex und Ralf neben ihren Moppeds im Kaffee und schlürfen genüsslich an ihrem Espresso.
Mit Alex sind wir das dritte Jahr in Folge auf das MotorradReiseTreffen in Gieboldehausen gefahren. Er hat uns in die Motorradreiseszene überhaupt erst hinein gebracht. Dort haben wir auch seinen und mittlerweile auch unseren Freund Ralf kennengelernt. Wegen der Begeisterung für die Begegnung mit Gleichgesinnten haben wir auch zusammen das erste Wehrdaer Reisetreffen ins Leben gerufen. Wir teilen viele Hobbys, darunter den Ausdauersport und die Leidenschaft für guten Kaffee. Nun ist bei Alex ein Weiteres dazu gekommen: Enduro!
14 Die Bikerfreunde am Lagerfeuer in den Bergen LiguriensAuch Joana begeistert sich immer mehr für das Fahren abseits befestigter Straßen. Was auf der letzten Reise für sie noch notwendiges Übel war, wird immer mehr zum Spaß. Nicht zuletzt wegen unserer zahlreichen gemeinsamen Übungsstunden auf unserer Heimendurostrecke und auf dem Trainigsgelände des MC Werratal-Heringen sind ihre Fähigkeiten im groben Gelände nach nur vier Jahren Motorradführerschein beachtlich.
Der Espresso wird geleert und wir schwingen uns auf unsere kleinen Hondas. Alex und Ralf fahren die selben Maschinen wie wir. Es geht durch das enge Gassengewirr Cipressas. Selbst für einen Fiat 500, wie er hier überall rumkurvt, wäre es hier zu schmal. Was wir bei uns als Fußweg nutzen und sogar für Fahrräder sperren würden, kann man in Italien ohne Sorge befahren. Das Motorrad ist hier überall gerne gesehen. Jeder kennt es, jeder fährt es und jeder akzeptiert es. Auf den kleinsten Wegen wird freundlich Platz gemacht und die Biker werden gegrüßt. Auf den kurzen Asphaltabschnitten fahren die Autos rechts ran, der entgegenkommenden Verkehr macht Platz, wenn man überholt, an der Ampel steht man immer ganz vorne und unterhält sich noch nett mit dem Fahrer neben sich. An der Tankstelle wird Platz gemacht, weil jeder weiß, dass man ein Motorrad viel schneller tankt als ein Auto. Will ich einscheren, bremst der Fahrer neben mir, weil hier jeder weiß, dass man nicht später ankommt, weil sich mal ein Motorrad vorweg einordnet.
Wir fahren eine mit Spitzkehren bestückte Militärstraße hinauf, um auf der Passhöhe östlich zu einem alten Fort abzubiegen. Alex informiert uns, dass wir von nun an dem TET folgen werden. Der Trans-European-Trail zieht sich, von ehrenamtlichen Unterstützern kartographiert, durch alle Länder Europas. 51.000 Kilometer von der Spitze Afrikas bis zum Nordkap. Kreuz und quer, wie es sich für eine Enduropiste gehört.
Die Anfeindungen gegen Motorradfahrer nehmen sowohl auf der Straße als auch abseits befestigter Wege aus verschiedene Gründen immer weiter zu. Der TET ist eine Initiative von Bikern, die es satt haben immer wieder vor Absperrungen, Streckensperrungen, Fahrverboten, Privatwegen, Naturschutzgebieten, lärmberuhigten Kurorten oder wild gestikulierenden Wanderern zu stehen, für alle Biker, die das gleiche Problem haben. Eine zusammenhängende, durchgängig befahrbare Offroadpiste durch ganz Europa für naturverbundene Enduro Fahrer. Wer die Richtlinien zur Befahrung des TET ließt, versteht auch, dass Endurofahren und Liebe zur Natur sehr gut vereinbar sind.
Wir schlängeln uns auf Forststraßen und Versorgungswegen der abgelegenen Höfe die Bergflanken hinauf und hinunter. Wir sehen die schneebedeckten Gipfel der Alpen, die weit unter uns liegende Mittelmeerküste und in der Ferne, scheinbar über dem bläulichen Dunst schwebend, die zerklüfteten Felsen Korsikas. Wenn der Motor schweigt, lauschen wir dem leichten Wind und den Vögeln um uns herum. Gelegentlich rauscht ein Bach in der Nähe durchs Unterholz. Dort wo er die Piste kreuzt, sieht man die Spuren der vergangenen Unwetter. Hin und wieder reduziert sich der Weg dann auf einen handtuchbreiten Pfad, der uns holprig über das weggespülte Geröll der Wassermassen trägt. Hier sollte man nicht unbedingt talwärts schauen.
Zwei Tage sind wir vier zusammen unterwegs. Es klingt nicht sehr lang, doch es ist bisher der schönste und intensivste Reiseabschnitt. Gemeinsam den Wind im Gesicht zu spüren und das Abenteuer zu genießen, nie zu wissen ob der Weg hinter der nächsten Ecke tatsächlich weggespült wurde, die fremden Berge auf schmalen Wegen zu erkunden, die nirgendwo eingezeichnet sind, macht einfach Laune. Einfach mal hinter jemandem her zu fahren, der weiß wo es langgeht, ist entspannt und gibt Zeit sich umzuschauen. Man folgt einfach dem Rücklicht und muss nicht so viel planen. Bis auf ein paar kleine Reparaturen können wir die beiden Tage einfach genießen. Den TET, von dem wir schon viel gehört haben, nun selbst zu fahren, ist klasse. Alex und Ralf zeigen uns wie wir die GPS Daten mit unserem Telefon lesen und nachfahren können. Sie prägen damit unsere weitere Route durch Europa. Der TET wird uns noch eine Weile verfolgen. Und wir ihn.
Die Berge spucken uns nördlich von Savona wieder aus. Wir gleiten durch die Hügel der Toskana, immer auf der Hut vor den vielen Gewitterschauern, die gerade über Italien ziehen. In Siena treffen wir nicht ganz zufällig nochmal auf Pascal, unseren Fahrradweltreisenden aus der Schweiz, und seine Freundin Elodie. Die beiden sind, wie sollte es anders sein, mit dem Fahrrad unterwegs auf den Spuren des historischen Fahrradrennens L’Eroica, welches jährlich hier stattfindet. Wir verbringen wieder einmal einen schönen Abend, diesmal zusammen auf einem Campingplatz nahe Siena, um uns dann für einige Zeit zu verabschieden.
30 Der Blick von der Kuppel des PetersdomsFür uns geht es nun nach Rom. Joana hat diese beeindruckende Stadt noch nie besucht. Wir müssen dem also Abhilfe schaffen und nehmen uns im Zentrum Roms eine kleine Erdgeschosswohnung. Unter normalen Umständen wäre hier alles auf viele Wochen ausgebucht oder sehr kostspielig. Da aber scheinbar gerade niemand nach Rom möchte, sind nicht nur die Unterkünfte, sondern auch die Sehenswürdigkeiten völlig leer. Kein Gedrängel, kein Anstehen, keine überhöhten Preise. Es ist mein dritter Besuch in Rom und auf jeden Fall der mit Abstand Beste. Ohne all das Gedränge kann man die Stadt mit neuen Augen sehen. Die Straßen sind so leer, dass wir ganz entspannt an einem Tag mit dem Motorrad viele Höhepunkte abklappern können. Wir trinken einen Kaffee vorm Kolosseum, steigen auf die Kuppel des Petersdoms, joggen durch den Circus Maximus, beobachten Tom Cruise bei den Dreharbeiten des neuen Mission-Impossible Films vor dem Forum Romanum und genießen die Ausblicke von den Hügeln der Stadt. Nebenbei bekommen wir eine lückenlose Überwachung unserer Körpertemperatur bei den zahlreichen kostenlosen Fiebermessungen vor jedem Eingang.
Die Römer halten sich meist an die strikten staatlichen Vorschriften und tragen überall brav ihre Maske, kontrollieren Ein- und Auslässe der Sehenswürdigkeiten, Restaurants und Märkten, sie halten respektvoll Abstand und betrinken sich abends nicht über die Maßen. Selbst Tom Cruise, der in seiner Rolle als Ethan Hunt schon zum siebten Mal unbesiegbar ist, hält sich an die Maskenpflicht. Diese wird vermutlich später aus dem Film herausretuschiert. Wir halten es hier wie die Römer, denn auf der Reise, so hat es sich oft gezeigt, ist es am besten sich einfach an die Menschen anzupassen und ihre Regeln zu respektieren.

 

Nach vier schönen und kulturreichen Tagen in Rom setzen wir von Civitaveccia nach Porto Torres über. Wir widmen uns dem TET Sardinien. Wie sich herausstellt, soll er dem vorangegangenen Abschnitt in Ligurien noch einen draufsetzen. Der Anspruch im bergigen Landesinneren Sardiniens ist hoch. Es gibt ein paar wirklich knifflige Felsstufen und bei Regen wird es, gerade mit vollem Gepäck, schon etwas rutschig. Am zweiten Tag überrascht uns selbiger mitten in den Bergen. Hinter uns liegen zwei Steilpassagen die sehr staubig waren, jetzt also schlammig sind. Vermutlich sind sie bei dem starken Regen nicht zu befahren. Wir warten eine halbe Stunde unter einem Baum, der leider kein allzu dichtes Blattwerk zu bieten hat. Der Regen hört nicht auf. Die halbe Stunde reicht, um uns zu durchnässen, ohne dass wir einen Meter gefahren sind. Vor uns liegt eine unbekannte, den Höhenlinien zu entnehmen, sehr steile Strecke. Da man im Zweifelsfalle immer bergab kommt und Umdrehen immer so einen Hauch von Aufgeben hat fahren wir einfach weiter. Joana macht an diesem Tag zum ersten mal Bekanntschaft mit der europäischen Adrenalin Fliege. Sie muss von etwas gebissen worden sein, was ihr eine selbstsichere, grimmige Zielstrebigkeit gibt und dabei ihre Angst vor schwierigen Strecken völlig verdrängt. Ich habe dieses Phänomen das letzte Mal im Amazonas Regenwald Brasiliens gesehen, als der Schlamm uns knietief umgab. Dort habe ich es auf die vielen Fliegen geschoben, die gerade Joana bei Stillstand so gepiesackt haben, dass sie einfach zielstrebig durch den tiefsten Matsch geheizt ist. Nun hat uns die Fliege wieder eingeholt. Nur zehn Kilometer sind es vom Einsetzen des Regens auf diesem schwierigen Abschnitt bis zum befestigten Weg. Joana setzt sich an die Spitze und reißt die Trail-ähnliche Passage in einer halben Stunde runter. Sturzfrei.
06 Der Ausblick vom Balkon des Castello MalicasIm ersten Moment macht sich Erleichterung breit als wir den glatten Asphalt unter den Rädern spüren. Wir merken allerdings schnell wie durchnässt und verschlammt wir sind, wie die Temperatur sinkt und das Licht schwindet. Wir gönnen uns an diesem Abend eine günstige Unterkunft, um unsere Sachen zu trocknen und etwas Warmes zu essen. Die erste Pizza in Italien ist fällig heute Abend. Es wird laut und fröhlich, denn wir sind neben einem Kindergeburtstag die einzigen Gäste in dem hellhörigen gefliesten Restaurant. Als wir zu verstehen geben, dass uns die Kinder mit ihren Spielchen nicht stören, gibt es kein Halten mehr. Mit leicht klingelnden Ohren und stark verspannten Muskeln legen wir uns hin und schlafen zwölf Stunden durch. Am nächsten Tag bekommen wir nicht nur das bisher beste Frühstück Italiens von unserem Gastgeber Phillipp serviert, sondern auch noch zwei schöne Mitarbeiter-Shirts und zwei extra Espresso spendiert. Das Castello Malicas können wir an dieser Stelle als Unterkunft bei Regen nur empfehlen.
Die Piste hat uns am vergangenen Tag förmlich in den Arsch getreten. Zeit zurückzuschlagen! Es geht gegen Mittag nach ein paar Asphaltkilometern wieder zurück auf die Piste, um nicht auf den Gedanken zu kommen der TET Sardinien sei zu schwierig. Wir übernachten in einem wunderschönen Flussbett im Südosten der Insel und brechen am nächsten Tag früh auf, um unsere letzten 50 Kilometer abseits der Straße zu bezwingen und am Südzipfel anzukommen. Kurzfristig erfahren wir, dass heute die einzige Fähre in der Woche nach Palermo fährt und nutzen die Gelegenheit dem Regen endgültig nach Süden zu entfliehen.
Auf der Fähre lernen wir einen tibetischen Mönch mit deutschen Wurzeln kennen. Phil kommt nach einem Heimatbesuch in München im März diesen Jahres nicht mehr in sein Kloster in Indien zurück. Statt sich zu ärgern nutzt er die Zeit. Er macht einen Motorradführerschein und kauft sich eine kleine Maschine, um Europa besser kennenzulernen. Seit vier Monaten ist er auf dem TET unterwegs. 16000 Kilometer ist er durchs Baltikum ans Nordkap, zurück durch Skandinavien, Mitteleuropa und nun bis nach Sizilien gefahren. Er hat auf den vielen Pisten ohne große Vorerfahrung so einige Stürze hinter sich gebracht und was auch immer er gesucht hat, zum Motorradfahren hat er auf jeden Fall gefunden. Wir verstehen uns sehr gut und beschließen noch an dem Abend als wir uns kennenlernen die erste TET Etappe in Sizilien gemeinsam anzugehen. Direkt beim Einstieg begegnen wir noch einer sportlichen Gruppe Tschechen, die uns leider etwas zu schnell unterwegs sind mit ihrem leichten Gepäck und ihren straken Maschinen. Phil fährt, wie sollte es anders sein, das gleiche Bike wie wir. Weniger ist mehr, meint er, und freut sich über den geringen Verbrauch und als Reiseenduro-Anfänger über das geringe Gewicht der Maschine. Unsere gemächliche Reisegeschwindigkeit passt sehr gut zu seinem meditativen Tempo. Wir halten oft an um einfach nur den Ausblick zu genießen, manchmal aber auch um den Weg wiederzufinden, wenn Erdrutsche die Straße weggerissen haben, Bachläufe die Strecke spalten oder eingestürzte Brücken nie erneuert worden. Das Hinterland Siziliens mit dem Bike zu erkunden macht richtig Laune. Wir wissen nie was uns wohl hinter der nächsten Kuppe erwartet. Nicht selten habe ich das Gefühl schon in Afrika zu sein. Mitten im Nirgendwo treibt ein einsamer Hirte seine Schafe über die schlaglochverseuchte Straße oder die witterungszerfressene Piste. Die Plastiktüten in den Bäumen rascheln und die gelegten Buschbrände schwängern die staubige Luft mit Rauch. Ein Duft, den ich seit meiner ersten Tour mit dem Reisen verbinde. Phil begleitet uns zwei Tage bevor er zurück nach Palermo fährt und seine Rückreise nach Deutschland antritt, um dort auf die Öffnung der indischen Grenze und seine Rückkehr ins Kloster zu warten. Seine Gesellschaft war sehr angenehm, seine disziplinierte alltägliche Meditation im Zelt und seine stets ruhige Art haben uns beeindruckt. Ein richtiger Motorrad Mönch. Gerne sind wir in seinem Kloster gesehen, wenn die Einreise wieder möglich ist, versichert er uns. Wenn irgend möglich werden wir darauf zurückkommen.
20 Die Zeit mit Phil war sehr schoen und wir freuen uns darauf ihn wieder zu sehenWir widmen uns den beiden letzten Etappen im Norden Siziliens. Genussvoll fahren wir durch die ursprünglichen Wälder Nördlich vom Etna. Alte Eichen säumen den Weg, der sich kontinuierlich zwischen 1000 und 1500 über dem Meer entlangwindet. Es ist kühl hier oben, doch die Sonne, die immer wieder durch das Blätterdach bricht, macht es erträglich. Wenn der Wald sich lichtet, erhebt sich der weiße, dampfende Kraterrand des Etna vor uns. Er thront erhaben über 3000 Meter oberhalb des gelegentlich zu unserer Linken auftauchenden Meeres. So bergig und steil hätten wir es hier nicht erwartet. Wir biegen nach einer wunderbaren Nacht mit Blick auf den Vulkan kurz vor Messina nach Süden ab, um uns an der Küste unterhalb der historischen Stadt Taormina mal wieder eine Dusche zu gönnen und ein Pärchen deutscher Motorradreisender zu treffen, die wir flüchtig auf unserem Weg nach Rom kennengelernt haben. Conny und Matthes. Die beiden fahren auf ihren alten Yamaha Tenere von ihrer Heimat in Heinzberg quasi unsere geplante Route durch Italien bis zum Südzipfel Siziliens und dann rüber nach Griechenland, um von dort aus zu schauen wie es weitergeht. Sie sehen die Lage ähnlich entspannt wie wir es tun, solange es nicht regnet und die Temperatur über dem Gefrierpunkt bleibt, kann uns Biker eigentlich wenig die Laune vermiesen. Der Abend ist lustig und irgendetwas sagt mir, dass wir die beiden nicht zum letzten Mal gesehen haben, als wir uns am nächsten Tag verabschieden.
Wir sollen heute nicht weit kommen, denn bereits 30 Kilometer später klettern wir die steile Zufahrt zum Almagea Sanctuary hinauf. Über einen Freund Joanas haben wir den Tipp und schließlich die Einladung Christins bekommen hier vorbei zu schauen. Es handelt sich um ein spendenfinanziertes Projekt zur Rettung und Pflege von missbrauchten Tieren aus der örtlichen Landwirtschaft und den schlimmsten Pflegefällen unter den Straßenkatzen und Hunden aus den umliegenden Orten. Es steckt noch in den Kinderschuhen. Keine warme Dusche, Elektrizitätsprobleme, ein etwas baufälliges Haus und viel Nachholbedarf im zwei Jahre nicht geschnittenen Olivengarten.
25 Christin und Luca verwirklichen ihren Traum hier in SizilienSeit März sind Christin und Luca im Besitz der Farm und kämpfen sich durch. Christin kommt aus der Schwalm, Hessen und Luca aus Torino, Norditalien. Beide haben sie alles hinter sich gelassen, um hier in Sizilien an den Wurzeln des Etna ihren Traum von einem nachhaltigen Leben in und mit der Natur zu verwirklichen. Trinkwasserversorgung, Stromversorgung, Grundrestaurierung des Wohnhauses, Begradigung, Befestigung, Bewässerung, Bepflanzung der Terrassen, Zaunbau, Ernte, Tierpflege und vieles mehr muss erledigt werden. Es wird noch Jahre dauern bis der Laden läuft. Die beiden Optimisten sind zuversichtlich, auch wenn Christin gerade wegen der ersten aufgenommenen und sehr milchbedürftigen Babykatzen unter Schlafmangel leidet, während Luca von morgens bis abends am Zaun baut, um die illegalen Jäger draußen und die Tiere drinnen zu halten.
Die Mentalität hier gefällt uns und wir bauen unser Zelt neben dem kleinen Wohnmobil der beiden auf. Mangel an Strom und kaltes Duschwasser aus dem Eimer sind nicht weiter tragisch für uns. Die selbstverständliche Gastfreundschaft und das gute Grünfutter aus dem Garten kompensiert das bei Weitem. Und ein paar helfende Hände, am besten mit Kletterfähigkeiten werden hier immer gebraucht.
Die Olivenernte steht an. Wegen des drohenden Aromaverlustes werden die Oliven möglichst spät vor dem Verarbeitungstermin, am besten an einem einzigen Tag geerntet. Der Plan, hier den nächsten Reisebericht zu verfassen, wird hinten angestellt und wir pflücken am nächsten Tag von Sonnenauf bis -untergang Oliven, spannen Netze unter den Bäumen, sortieren die Verunreinigungen heraus und sammeln die guten Oliven in Kisten. Spät am Abend wird die reiche Beute mit Kopflampe ins Auto geladen. 250 Kg Oliven werden im Fiat Punto über die holprige Piste zur Presserei gefahren. Ein anstrengendes, aber sehr interessantes Unterfangen, was wir bei unseren zukünftigen Olivenölkäufen bedenken werden. Es steckt verdammt viel Arbeit in so einem bisschen Olivenöl. Mit fünf, zeitweise sechs Leuten haben wir für die 38 Liter Öl, die am Ende herauskamen, über zwölf Stunden geschuftet. Das macht pro Liter Öl ungefähr eine Stunde und 45 Minuten Arbeit. Fahrtkosten und Pressung nicht mit eingerechnet. Also wer einen Liter Öl für fünf Euro im Angebot kauft, der weiß nun was die Arbeiter dabei wohl für einen Stundenlohn bekommen haben.
Wir bleiben fünf Tage bei den beiden und lernen nicht nur das Projekt, sondern auch die schöne Gegend kennen. Der Etna raucht vor sich hin und der erste Krater ist von der Farm nur eine halbe Fahrstunde entfernt. Nachts kann man ihn manchmal leuchten sehen, wenn der Himmel aufklart. Wir müssen für einen Corona Test, welchen wir für die nächste Fährüberfahrt brauchen, in die alte Festungsstadt Taormina. 15 Minuten dauert die ganze Sache direkt beim Labor. Nach Ausfüllen eines kurzen Formulars und Entrichten der 50 Euro Gebühr wird der PCR Test kurz und schmerzvoll durchgeführt. Ergebnis kommt nach 20 stunden per Email. Leberwerte für meine neue Medikation werden nebenbei auch noch abgenommen und kurze Zeit später ebenfalls zugemailt. Eigentlich sehr entspannt und routiniert, der ganze Vorgang. Von dem Arzt werden wir gleich gefragt, welche Motorräder wir fahren und wie wir Sizilien finden. Die Schwester am Empfang spricht etwas deutsch und erklärt uns wie es läuft. Wir fühlen uns einmal mehr sehr gut aufgehoben und willkommen hier.
Ein kleiner Stadtbummel später sitzen wir im historischen Stadtkern vor der Kirche und genießen einen hausgemachten Salat mit Lasagne und freuen uns über die leeren Straßen und Restaurants und scherzen mit den Einheimischen. Normalerweise wird man hier von Touristen fast totgetreten, weil sie gar nicht alle in die Gassen passen. Das kenne ich noch von meinem letzten Besuch dieser schönen Stadt, die wir aus selbigem Grund damals nie wirklich erkundet haben.
Das hügelige Umland ist auch weit ab des Tourismus schön anzuschauen und die kleineren Dörfer in der Nähe des Projektes haben alle ihre eigenen historischen Ortskerne mit gemütlichen Kaffees. Es lässt sich hier gut aushalten. Und wer Wasser mag, der kann in der Alcantara Schlucht baden, klettern und Klippenspringen oder sich an der Küste den Wellen hingeben. Wer mal vorbei schauen und mit anpacken möchte oder einfach Geld übrig hat, kann sich hier melden: https://m.facebook.com/AlmaGeaSanctuary/
35 Wir warten spaet abends auf die FaehreUnser Weg führt uns weiter über den flachen Süden der Insel durch das bergige Zentrum und die berüchtigte Stadt Corleone zurück nach Palermo, wo erneut ein Schiff auf uns wartet. Diesmal aber geht es auf einen neuen Kontinent. Zusammen mit ein paar Händlern und einigen LKW Fahrern stehen wir in dem Bauch der spärlich gebuchten Grimaldi Fähre Richtung Tunis, Tunesien. Um zwei Uhr nachts stechen wir in See.

  

 

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